Workshop Mai 2006 - Freigeistige Aktion

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Workshop Mai 2006

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Mai 2006, Neustadt/Rbge.
Seminar "Was ist Bioethik?"
Seminar mit Podiumsdiskussion
Schloss Landestrost Neustadt/Rbge im Katharinen-Saal, am 27. Mai 2006

27. Mai 2006: Seminar "Was ist Bioethik?"
Das Seminar beschäftigte sich mit dem Begriff der "Bioethik", der mehrdeutig verwendet werden kann. Zum einen bezeichnet er ein Forschungsgebiet der angewandten Ethik, zum anderen ein höchst kontroverses Feld der Politik, in dem z.B. über die Unterzeichnung der "Bioethik-Konvention" oder die Zulässigkeit von embryonaler Stammzellforschung gestritten wird.
Dabei ist der Versuch des Menschen, seine Umwelt zu beeinflussen, keinesfalls eine Erscheinung der Neuzeit, denn durch Kreuzungen entstanden schon früh neue Hunderassen und Pflanzenarten.
Doch erlebten die sogenannten Lebenswissenschaften ("Lifescience") in den letzten Jahrzehnten derart rasante Entwicklungen und Fortschritte, dass über die mit den Fortschritten in Medizin und Wissenschaft verbundenen ethischen Fragen im Umgang mit Leben in Politik, Forschung und Gesellschaft heftige Diskussionen entbrannten. Mit diesen Fragen befasst sich die sogenannte Bioethik. Sie beschäftigt sich u.a. mit folgenden Streitpunkten:
Darf alles technisch Machbare auch getan werden?
Wo liegen die Grenzen für die Forschungsfreiheit?
Welche Folgen entstehen für unsere Gesellschaft und für künftige Generationen durch die angewandten Medizintechniken und fehlende Gesetzgebungen?
Innerhalb der Ethik werden einerseits unterschiedliche Ethiktheorien (Utilitarismus, Kantische Ethik, Diskursethik, Tugendethik usw.) und andererseits verschiedene Bereichsethiken (Medizinethik, Umweltethik, Wirtschaftsethik, Medienethik usw.) unterschieden. Die Bioethik versteht sich in diesem Zusammenhang als eine Bereichsethik, in der mit verschiedenen theoretischen Ansätzen gearbeitet wird.
Der Begriff "Bioethik" entstand in den USA. Der Biologe und Krebsforscher Van Rensselaer Potter verwendete den Begriff 1970 als erster in einem Aufsatz für eine neue wissenschaftliche Disziplin, die eine Brücke zwischen biologischem Wissen und humanen Werten bauen sollte, um der Menschheit ein Überleben zu ermöglichen. Unabhängig davon prägten 1971 der Arzt und Entwicklungsphysiologe Andre Hellegers und seine Kollegen mit der Gründung des "Kennedy Institute for Human Reproduction and Bioethics" den Begriff im Sinne biomedizinischer Ethik. Sie wollten damit zum Ausdruck bringen, dass Fragen der modernen Biomedizin von der traditionellen Medizinethik, die sich bis dahin auf Regeln und Codices der ärztlichen Berufspraxis beschränkte, nicht hinreichend erfasst werden. Ihnen ging es um einen verantwortlichen Umgang mit den neuen Möglichkeiten der biomedizinischen Forschung und Praxis. Die beiden Positionen verbindet die Ansicht, dass das wachsende Verfügungswissen der modernen Biowissenschaften mit der zunehmenden Notwendigkeit ethischer Reflexion einhergeht.
Innerhalb der Bioethik werden vor allem drei methodische Ansätze unterschieden und kritisch diskutiert:
1. Kasuistik: Die sogenannte Kasuistik geht von Präzedenzfällen aus, bezieht sich auf moralische Alltagsüberzeugungen und gesellschaftlich etablierte Praktiken, zieht Ähnlichkeiten und Unterschiede zu Vergleichsfällen heran und versucht auf diesen Grundlagen zu plausiblen ethischen Urteilen zu gelangen.
2. Theorieanwendung: Die hierzu entgegengesetzte Methode geht nicht von Einzelfällen, sondern von einer Ethiktheorie aus und wendet diese "stur" auf ethische Fragestellungen an. Das wohl prominenteste Beispiel hierfür ist der Präferenzutilitarismus von Peter Singer. Sein Grundprinzip für die ethische Urteilsbildung, das er nicht weiter begründet, ist die Maximierung von Glück. Die Glückssumme wäre dann am größten, wenn die Interessen oder Präferenzen der betreffenden Personen zusammengerechnet optimal verwirklicht wären. Innerhalb seines Ansatzes kommt er so zwar zu rationalen Urteilen, die jedoch selbst ethisch problematisch sind. Das liegt v.a. daran, dass nur „Lebewesen“ berücksichtigt werden, die als "Personen" gelten, weil sie Präferenzen haben oder artikulieren können. Dazu zählen höher entwickelte Tiere, während bspw. Neugeborene oder Menschen mit schweren geistigen Behinderungen ausgeschlossen werden. Singer ist zwar der bekannteste Bioethiker, nicht aber der Vertreter der Bioethik. Innerhalb der Bereichsethik "Bioethik" sind auch viele andere Ethiktheorien vertreten. Nun gibt es Unterschiede zwischen den ethischen Ansätzen. Alle Ethiktheorien können aber zu kritikwürdigen Urteilen kommen, wenn die Sensibilität für den Einzelfall und den gesellschaftlichen Kontext fehlt.
3. Vier-Prinzipien-Modell: Der im angelsächsischen Raum verbreitetste Ansatz von Beauchamp und Childress versteht sich als Mittelweg zwischen den beschriebenen „bottom up“ und „top down“ Modellen. Er geht davon aus, dass die vier Prinzipien Autonomie, Wohltätigkeit, Nichtschädigung und Gerechtigkeit ein konsensfähiges, praktikables Modell für die ethische Urteilsbildung abgeben, da sie mit den Grundlagen verschiedener Ethiktheorien vereinbar seien.

 
 
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